DIE ZEIT/Christ&Welt, 9.3.2018. Seit fünf Jahren ist Franziskus Papst. Er hat seine Kirche wachgerüttelt. Doch die eigentliche Bewährungprobe steht ihm erst noch bevor.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die katholische Kirche zu verändern. Die eine ist, aus der Zeit gefallene Regeln und Bräuche im Hauruckverfahren aufzuheben. Die wahrscheinliche Konsequenz wäre ein Schisma, die Abspaltung desjenigen Teils des Klerus, der diese Neuordnung nicht will. Die andere Möglichkeit ist, Prozesse in Gang zu bringen, die letztendlich zum selben Ergebnis führen, aber die katholische Kirche im Wesentlichen zusammen halten. Diesen Prozess hat Papst Franziskus in den vergangenen Jahren gewählt. Am 13. März ist er fünf Jahre im Amt. Wirklich greifbare Ergebnisse vorzuweisen hat der Papst kaum. Bei der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch ist Franziskus nicht konsequent, die Kurienreform gleicht fünf Jahre nach ihrem Beginn oft immer noch einem Brainstorming, die Vatikanfinanzen hat der Papst bis heute nicht im Griff. Dazu kommen persönliche Widersprüche, die aber auch mit den Erwartungen der Öffentlichkeit zu tun haben. Sie will im lustigen Jorge Bergoglio vor allem einen milden Hirten erkennen, der im Umgang mit seinem Apparat von brutaler Autorität sein kann. Dieser Aspekt passt nicht in das Bild, das sich die meisten Menschen

vom Papst gemacht haben. Sein offener Blick auf Armut, Umwelt, aber auch auf die Ökumene hat Maßstäbe gesetzt, die aber für seinen Nachfolger keine bindende Wirkung haben. Schwieriger wird es eines Tages sein, sich nach dem Pauperismus Bergoglios wieder in päpstlichem Prunk oder in einer Limousine zu zeigen. Die Weichenstellung mit den unmittelbarsten Folgen ist die Auswahl, die Franziskus bei der Nominierung neuer Kardinäle getroffen hat. Nicht arrivierte Theologen sind aus seiner Sicht zur Leitung der Kirche geeignet, sondern Männer, die an aus europäischer Sicht vergessenen Orten der Welt ihre Mission erfüllen. Diese Politik wird die Kirche nachhaltig prägen, die Zusammensetzung des Kardinalskollegiums macht die Wahl eines Nachfolgers aus der westlichen Hemisphäre immer unwahrscheinlicher. Die noch kaum sichtbaren, aber folgenreichsten Veränderungen hat der Jesuit Jorge Bergoglio bewirkt, indem er sich beim Gründer seines Ordens, Ignatius von Loyola, orientiert hat. Franziskus hat das spirituell-ignatianische Prinzip der „Unterscheidung der Geister“…

Kleine Zeitung, 5.3.2018. Bis die umstrittene Fünf-Sterne-Bewegung in Italien regiert, ist es nur noch eine Frage der Zeit.

  Italien war schon in der Vergangenheit mehrfach ein politisches Laboratorium. Benito Mussolini machte den Faschismus zur Staatsdoktrin und wurde bald von Adolf Hitler kopiert, mit bekanntem Ausgang. Der Medienunternehmer Silvio Berlusconi führte in Europa den Populismus ein, der unter anderen machtpolitischen Umständen heute von US-Präsident Donald Trump weiter geführt wird. Es ist wahrscheinlich, dass von Italien aus nun ein weiterer bahnbrechender politischer Laborversuch seinen Anfang nimmt. Bei den Parlamentswahlen am Sonntag erreichte die populistische und systemkritische Fünf-Sterne-Bewegung, die eine Einzigartigkeit auf der politischen Weltbühne darstellt, rund 32 Prozent der Stimmen und wurde damit zum klaren Wahlsieger. Die herkömmlichen Parteien wurden von den Wählern abgestraft. Gewünscht ist offenbar eine neue, umstürzende und auf dem Papier basisdemokratisch geführte Kraft, deren bislang sehr vage politische Konturen sich demnächst schärfen müssen. Wer genau diese Fünf Sterne sind, wird sich in den kommenden Wochen zeigen, wenn es um den Versuch geht, eine Regierungsmehrheit zu bilden. Alleine kommen die Schützlinge des Komikers Beppe Grillo nicht auf die notwendigen Parlamentsmandate. Die Italienwahl hat als eines der ersten Ergebnisse ein klares Misstrauensvotum

gegenüber der EU in ihrer heutigen Form dekretiert. Die „Grillini“ wollen die europäischen Spielregeln verändern, das hat auch der zweite Wahlsieger, die rechtspopulistische Lega angekündigt. Die Lega, die früher den Zusatz „Nord“ trug und ihre Stammwähler in Norditalien hat, erreichte italienweit etwa 18 Prozent der Stimmen. Damit übernimmt die Partei von Matteo Salvini die Führung im rechten Parteienspektrum. Nimmt man die Stimmen der beiden Protestparteien zusammen, dann verlangen mindestens 50 Prozent der italienischen Wähler eine Kurskorrektur in Brüssel. Dieses Votum der drittgrößten Volkswirtschaft der EU ist ein weiterer Schub für die baldige Veränderung der EU-Parameter. Für Italien steht in den kommenden Wochen die Frage im Vordergrund, ob die Bildung einer von den Fünf Sternen und ihrem Spitzenkandidaten Luigi Di Maio geführten Regierung gelingt. Es wäre einen Versuch wert. Erstens gibt es nach diesem Wahlergebnis keine Alternativen. Das Mitte-Rechts-Lager hat keine Mehrheit, Mitte-Links erst recht nicht.…

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.1.2018. Ciro Immobile von Lazio Rom ist der treffsicherste Stürmer in der italienischen Serie A.

Soziale Netzwerke haben den Vor- oder Nachteil, dass man Fußballspielern heutzutage bis in die Ferien folgen kann. Ciro Immobile erholt sich gerade, will man seinem familiären Instagramprofil Glauben schenken, auf den Malediven im Indischen Ozean. In der Serie A ist am Wochenende die Hinrunde zu Ende gegangen, nun sind zwei Wochen Winterpause. Auf den Ferienbildern sieht man den Stürmer von Lazio Rom in Badehose auf sehr weißem Strand, angelehnt an seine Ehefrau Jessica im Bikini. Die Bilder sollen Ehe- und Fußballerglück vermitteln und es gibt auch keine begründeten Zweifel an dieser Darstellung der Realität. Am vergangenen Samstag erzielte der Stürmer vier Treffer beim Auswärtsspiel gegen den Aufsteiger SPAL Ferrara. 2:5 (2:4) setzte sich Lazio Rom durch. „Mir läuft es kalt den Rücken herunter“, sagte Immobile im Anschluss an seine sehenswerte Darbietung. Noch nie in seiner Profikarriere waren ihm vier Treffer in einem Spiel gelungen. Ciro Immobile ist der Stürmer der Stunde in Italien. Lazio Rom ist auf den vierten Platz der Serie-A-Tabelle vorgerückt, der in dieser Saison erstmals wieder zur

Teilnahme an der Champions League berechtigt. In 18 Partien erzielte Immobile 20 Treffer und führt damit die Torschützenliste an. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn noch vor zwei Monaten durchlebte der 27-Jähirge aus Torre Annunziata bei Neapel zusammen mit seinen Landsleuten einen kollektive Kollaps. Im Land des vierfachen Weltmeisters Italien war es bislang undenkbar, ein WM-Turnier zu verpassen. Aber nach den Playoffs gegen Schweden im November stand genau diese Diagnose fest. Einer der Antihelden auf dem Rasen des Giuseppe-Meazza-Stadions in Mailand trug den Namen Immobile. „Unbeweglich“ bedeutet der Name übersetzt, und der Stürmer wirkte tatsächlich wie erstarrt nach diesem Schock. Es hat dann etwa acht Wochen gedauert, bis das Aufziehmännchen vom Vesuv wieder in alter Manier über den Platz flitzte. Nur zwei Treffer gelangen ihm im Anschluss an die WM-Playoffs bis zum Jahresende für Lazio Rom. Am Samstag gegen Ferrara wirkte es dann so, als müsste Immobile den Stillstand eines ganzen…

Augsburger Allgemeine, 21.12.2017 - Warum österreichische Pässe südlich des Brenners destabilisierende Wirkung hätten.

Es ist bald 100 Jahre her, dass das Königreich Italien zum Ende des Ersten Weltkriegs das Gebiet südlich des Brenners annektierte und es dem in Auflösung begriffenen Österreich-Ungarn abnahm. Seither ist Südtirol italienisch, es hat lange gedauert bis sich dieses Gefälle in Gefallen aufgelöst hat. Die autonome Provinz Trentino-Alto Adige gilt heute als Modell dafür, wie ein staatlicher Konflikt mit schlimmen Folgen für die Bevölkerung letztlich doch beigelegt werden kann. Dieser Prozess hat über 70 Jahre gedauert und ist noch nicht abgeschlossen. Immer wieder lodern Spannungen auf, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben. Wenn nun die neue österreichische Regierung aus ÖVP und FPÖ den deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolern anbietet, sie könnten den österreichischen Pass beantragen, stellt sich folgende Frage: Trägt diese Maßnahme zur Heilung alter Wunden bei oder reißt sie Narben unnötig wieder auf? Nationalismus ist der letzte Schrei auf dem Markt der politischen Offerten. Zu beobachten ist das von den USA bis Katalonien, von Großbritannien bis zum Balkan. Österreich mit seiner rechtskonservativen Regierung liegt da ganz im Trend und handelt einem bekannten

Muster zufolge, demnach untergegangene Weltreiche ihrem Phantomschmerz mit nationalistischen Handgriffen beizukommen versuchen. Als Viktor Orban 2010 Ministerpräsident von Ungarn wurde, war eine der ersten Maßnahme seiner Regierung, der ungarischen Minderheit in der Slowakei die Staatsbürgerschaft anzutragen. Das war eine sehr späte Reaktion auf den Zerfall Österreich-Ungarns. Die Slowakei fühlte sich verständlicherweise in ihrer Souveränität verletzt und protestierte, die bilateralen Beziehungen erreichten ihren Tiefpunkt. Ein anderer Spezialist der Spannung, Wladimir Putin, hält den Zerfall der Sowjetunion für das größte Unglück des vergangenen Jahrhunderts. Russischsprachigen Minderheiten in den ehemaligen Sowjetrepubliken die Staatsangehörigkeit anzubieten, ist eines seiner Mittel zur Destabilisierung der Nachbarländer Russlands. Selbst Italien gestand 2006 der italienischen Minderheit im kroatischen Istrien die Staatsbürgerschaft zu. Dabei handelte es sich allerdings nur um wenige Menschen. In Südtirol richtet sich das bislang noch nicht konkretisierte Angebot der österreichischen Regierung an 350 000 Menschen und damit an Zweidrittel der Bevölkerung. Hinter…